Das Projekt "slow tourism styria"



Was bedeutet Slow Tourism?

Langsam reisen bedeutet Entschleunigung. Es heißt auch, abseits der großen Touristenzentren unterwegs zu sein, viel im Freien zu sein und sich ausgiebig Zeit für eine Kultureinrichtung zu nehmen.

Heute Wien, morgen Salzburg und übermorgen Tirol. So zu reisen schadet nur der Umwelt, kostet Geld und Nerven und am Ende ist man gestresster als zuvor.

Deshalb ist meine Devise „Der Weg ist das Ziel“ – man klappert nicht eine Sehenswürdigkeit nach der anderen ab. Besonders eignet sich der langsame Tourismus, um die verborgenen Geschichten einer Region und deren Bewohner kennen zu lernen.

Du arbeitest als Slow Tour Guide und hast das Projekt Slow Tourism Styria ins Leben gerufen. Was ist die Idee dahinter?

Die ganze Welt spricht von der Digitalisierung des Urlaubs. Bessere Apps, GPS-Tracking fürs Wandern, Self-Check-In-Lösungen in der Airbnb-Unterkunft, Audio Guides durch das Museum, die VR Brille beim Wandern oder auf der Skipiste. Das sind bestimmt alles nette Features. Aber dann verbringe ich meinen Urlaub und meine Freizeit lieber in Second Life oder spiel SimCity. Nur wo führt das alles hin?

Die CO 2 Bilanz ist eine Katastrophe, das Geld stecken große Konzerne ein, aber die örtliche Bevölkerung schaut so durch die Finger. Bei den Billigangeboten wird nur das Personal ausgebeutet. Traditionen gehen verloren, weil die vorgegaukelten Tänze von Hollywood-Choreograf*innen entwickelt wurden und die Souvenirs kommen meist auch aus Billigproduktionsstätten.

Die Nahrungsmittelversorgung dieser Gebiete – da fang ich gar nicht erst an. Das Schlimmste ist, die Urlaubsgäste haben kurze Zeit später nur mehr Bilder auf dem Smartphone, aber keine richtigen Erinnerungen an ihren Ausflug oder Urlaub.

Das klingt ja nicht gerade motivierend. Warum so kritisch?

Ich will hier keineswegs über den internationalen Tourismus schimpfen. Aber solche Billigangebote verursachen nur Leid und Probleme in den Zielgebieten.

Egal ob Sonntagsausflug, schöner Familienurlaub oder ein Business Trip – Reisen, Ausflüge und Touren sollen immer! eine Bereicherung sein. Das immer weiter, schneller, intensiver, von allem mehr und billiger führt in eine Sackgasse. Ich denke, Corona hat uns bestens gezeigt, dass nicht immer alles aufwärts gehen kann.

Gibt’s einen Ausweg?

Als Slow Tour Guide will ich dagegen steuern. Ich möchte die Urlaubsgäste und besonders die Österreicher*innen dazu einladen, in die Steiermark zu kommen und das grüne Herz Österreichs langsam zu erkunden. Unbedingt analog. Digital Detox funktioniert hier einfach ausgezeichnet.

Neben dem Fernweh möchte ich ein Heimweh schaffen. Sehnsucht nach der Heimat. Sie ist oft etwas Selbstverständliches und ganz Gewöhnliches, sie gehört zu unserem Alltag. Dabei geht der Sinn für den Wert dieser Region verloren. Als Stadt- und Regionalvermittler bin ich bemüht, meinen Gästen zu helfen, dieses verlorene Bewusstsein für die Schätze des Alltags wieder zu finden.

Ständig bin ich auf der Suche nach neuen Geschichten und Plätzen, die es wert sind, entdeckt zu werden. Dabei streife ich zu Fuß oder mit dem Fahrrad durch die Gegend. So organisiere ich auch meine Slow Touren.

Was zeichnet diese Slow Touren aus?

„Alles ginge besser, wenn man mehr ginge“. Diesen Satz wusste Johann Gottfried Seume vor zwei Jahrhunderten schon zu sagen.

Wer sich gehend oder radelnd fortbewegt, beansprucht den ganzen Körper auf sanfte Weise. Der Kalorienverbrauch liegt beim gemütlichen Gehen pro Stunde immerhin bei 250 Kilokalorien. Die Zeit an der frischen Luft und die Lust, Neues zu entdecken setzt außerdem das Glückshormon Serotonin frei und hilft körperliche und geistige Blockaden zu lösen; dies wirkt sich positiv auf die Stimmung aus.

Wir fördern mit dem Wandern und Radeln aber nicht nur unsere Gesundheit, es schont genauso die Umwelt. Das Spannende beim bewussten Spazierengehen in einer Stadt oder in der Natur ist, dass die natürliche Neugierde angekurbelt wird, das scheinbar Bekannte verändert sich, es wird fremd und will nun entdeckt werden. Ob dies nun Pflanzen am Wegesrand sind oder die Fassade an einem Gebäude, an dem man schon jahrelang vorbeigeht.

Meine Ausbildnerin vom Fremdenführer*innen-Kurs pflegte gerne zu sagen, wir sollen in der Stadt ruhig mit der gehobenen Nase herumspazieren und einen Blick in die oberen Stockwerke der Gebäude wagen. So bemerkt man in Graz schon mal, dass man von Drachen beobachtet wird, böse Fratzen immer ein Auge auf dich haben oder jemand am Dachgiebel schon lange schläft und sich vom Stadtrummel nicht stören lässt.

Das heißt, ich brauche nur den Kopf etwas drehen und schon tut sich eine neue Welt in meiner Nachbarschaft oder auf dem Weg zur Arbeit auf?

Im Prinzip ja, es passiert etwas „Magisches“. Wie bei diesem Werbespot für einen Anbieter von Hörbüchern.  Du sitzt nicht mehr in der U-Bahn auf dem Heimweg, sondern befindest dich auf dem Weg zu deinem nächsten Auftrag als Geheimagent. Geschichten faszinieren uns Menschen schon seit Anfang an.

Denken wir an die Corona-Zeit zurück. Wir alle haben lernen müssen, einen Gang zurück zu schalten und haben angefangen, in der Nachbarschaft neue Wege zu erkunden.

Wir beschäftigten uns mit uns selbst, gingen auch viel alleine durch die Gegend und am Abend haben wir beim Skype Call die neuen Erkenntnisse unseren Freund*innen und Familienmitgliedern erzählt. So googelt man die eigene Gemeinde und liest sich in der Geschichte ein.

Ich suche schon lange diese Geschichten auf, studiere dazu gerne alte Bücher, führe Gespräche mit Unternehmen, Landwirt*innen und Kultureinrichtungen. Diese Geschichten will ich mit meinen Gästen teilen. Sie fördern das Bewusstsein für die Region und dies motiviert uns dazu, mit der Umwelt und der Kulturlandschaft auch nachhaltiger umzugehen.

Welche Geschichten dürfen sich deine Gäste erwarten und wo führen deine Touren hin?

Die Neugierde und Liebe zu einer Region soll geweckt werden. Und Liebe geht durch den Magen. Also erzähle ich die Geschichte der steirischen Kulinarik, eng verwandt ist natürlich die Geschichte der Landwirtschaft, die Volkskultur im Jahreskreis mit allen Bräuchen und Traditionen. Wir blicken gemeinsam in Kochtöpfe von den Wirten und lassen uns zeigen, was die steirische Gastlichkeit ausmacht.

 

Teil 2 behandelt die Frage, was die Steiermark als Genussland so einzigartig macht.